Was als Kind Angst gemacht hat, wurde die beste Art, sich auszudrücken

Was als Kind Angst gemacht hat, wurde die beste Art, sich auszudrücken
Was als Kind Angst gemacht hat, wurde die beste Art, sich auszudrücken

Montag, 15. August 2011

Meine erste Woche...


Die erste Woche ist die aufregendste. Es ist wirklich so. Alles ist noch neu und frisch, man erfährt viele neue Dinge und beginnt zu lernen. Als ich an diesem Montag die ersten Schritte in den Laden machte, über dessen Tür groß die Worte "Sin City" prankten, hatte ich trotz allem noch nicht die geringste Vorstellung, was mich alles erwarten würde. An diesem Tag. In dieser Woche. In den darauf folgenden Wochen. Vielleicht kann ich mich nicht mehr an jedes klitzekleine Detail erinnern, das ich jeden Tag erlebt habe. Dafür waren es immer zu viele Eindrücke. Aber ich kann euch noch einiges berichten, was ich bereits in der ersten Woche lernen durfte...und machen durfte.

Hoffnung ist der Anchor der Welt.
Eins der wichtigsten Dinge im Werdegang zur Piercerin bzw. zur Body-Artistin ist, eigenständig zu lernen. Ob es darum geht, Namen und Orte von Piercings, Bezeichnungen von Schmuck oder Techniken theoretisch zu lernen. Das muss man können, das muss man einfach drauf haben. Aber was auch unablässig zum Lernprozess gehört: Zuschauen.
Ich erinnere mich noch genau an die erste Kundin, die in meiner Zeit den Laden betrat. Ein eher unscheinbares Mädchen, das einen Dermal Anchor auf der linken Brust wollte. Ich wusste zwar theoretisch, um was es sich handelte, war aber auch wahnsinnig neugierig darauf, das endlich mal live zu sehen. Und so sah ich das erste Mal, wie Ben vorsichtig den Puncher in die Haut eines Menschen drehte, ihn wieder heraus zog, die heraus gestanzte Haut entfernte, mit dem Anchor eine Hauttasche formte und ihn dann unter die erste Hautschicht schob. Zurück blieb nur der Stein, der auf der Haut auflag. Es war so wahnsinnig schnell gewesen und ein prüfender Blick auf das Gesicht des Mädchens hatte mir gezeigt, dass sie ihre Mimik nicht verändert hatte. Auf meine Frage lächelte sie und meinte: "Nein, es tat nicht weh. Hat nur ein bisschen gedrückt!" Und dann sah sie in den Spiegel und betrachtete glücklich ihr erstes Piercing. In diesem Moment wusste ich: Das will ich auch! Einen Menschen mit so etwas glücklich machen!
Diese Gelegenheit bekam ich dann auch tatsächlich schon an meinem dritten Arbeitstag.
Unsere Tattoo-Auszubildende wollte sich einen Anchor machen lassen, in einen ihrer Sterne am rechten Arm. Neugierig wie immer sah ich meinem Chef dabei über die Schulter. Und dann - ein Moment, den ich sicher nie vergessen werde - drehte sich Ben zu mir um und sagte: "Desinfizier mal deine Hände, du machst das jetzt!" Zum zweifeln blieb keine Zeit, also Handschuhe an, desinfizieren und mit zitternden Fingern ans Werk. Ben blieb die ganze Zeit an meiner Seite, erklärte mir geduldig jeden Schritt und ließ mich meine ersten Schritte auf dem Weg zur Body-Artistin machen. Als ich den Anchor unter die erste Hautschicht gesetzt hatte, durchströmte mich das erste Mal dieses Gefühl. "Ich habs gemacht! Ich hab jemandem ein Piercing gemacht!" Dieses wahnsinnig tolle Gefühl konnte nur durch ein anderes übertroffen werden. Dieses zufriedene Grinsen von Ben, ein Schulterklopfen und dieser Satz: "Ich bin stolz auf dich!". Mittlerweile hat er das schon öfter zu mir gesagt...und immer noch hat es diese Wirkung auf mich. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn ein Mensch, den man so bewundert, stolz auf einen ist.

Selbstversuch macht schön.
Schon einen Tag später sollte ich noch einen Schritt weitergehen und mein erstes Piercing stechen...im Selbstversuch. Es war ein Tag, an dem nicht sonderlich viel los war im Laden. Ben und ich hatten schon vorher darüber geredet, was für Piercings ich an mir selbst noch geplant hatte...unter anderem wollte ich meine Ohrlöcher erneuern, die schon lange zugewachsen waren. Und an diesem, meinem vierten, Tag sagte Ben, dass ich mir die Ohrlöcher doch rein theoretisch selbst machen könne.
Im ersten Moment war ich geschockt bei dem Gedanken, mir selbst eine Nadel durchs Ohr zu stechen. Ben ließ mir Zeit...und er ließ mir die Wahl. Aber ich wusste, dass das für mich ein wichtiger Schritt war und wollte ihn gehen. Wie immer war Ben an meiner Seite, mit jeder Menge Tipps und einer ruhigen Hand, um meine zitternde festzuhalten...damit auch nix krumm und schief lief ;-)
Es kostete mich einiges an Überwindung, die Nadel wirklich durch mein Ohr zu stechen....aber kaum war sie durch (mit einem erschrockenem Zusammenzucken von mir - "Hab ich das grad wirklich getan?!"), merkte ich wieder dieses glückliche Gefühl, das mich auch nach meinem ersten Piercing durchströmt hatte. Für viele ist es vielleicht normal, sich selbst Ohrlöcher oder andere Piercings zu stechen...aber ich mit meiner Angst vor Nadeln, die ich seit meiner Kindheit hatte (ganz schön ironisch, für eine Piercerin, nicht wahr?!), habe damit einen wichtigen Schritt getan, was meine Selbstüberwindung angeht. Ein selbstgestochener Anchor und zwei Piercings - aber das war noch lange nicht alles, was ich in dieser Woche lernen sollte.

Wenn man ins Fleisch schneiden muss, muss man beim eigenen Fleisch anfangen.
Will man den Beruf eines Body-Artisten ausführen, sollte man die nötige Passion dafür haben. Sonst wird man irgendwann - und ich denke so verhält es sich mit ziemlich vielen Jobs - unglücklich. Und ich habe selten einen Menschen gesehen, der so eine Leidenschaft für seinen Job hegt, wie Ben es tut. An jedem neuen Kunden kann man erkennen, dass er seinen Beruf liebt und dass er wie dafür geschaffen ist. Aber es gibt ein riesiges Tabu bei ihm: Nie lässt er jemanden an seine Haut ran! Viel zu kostbar, das gute Stück. Ich kann ihn sehr gut verstehen. Man kann selbst kontrollieren, was man tut...aber wie kann man sich darauf verlassen, dass andere immer alles richtig machen? Und dann noch an der eigenen Haut?
Und so kam es, dass er in meiner ersten Woche, am Freitag um genau zu sein, beschloss, sich selbst ein subdermales Implantat zu setzen. Das ist ein Implantat, das man sich direkt unter die Haut setzt, sodass man nur noch den Abdruck darunter sieht (und auch fühlen kann!). Während er sich selbst mit dem Skalpell einen Schnitt in den Arm machte, erklärte er mir wieder geduldig, wie alles abläuft, was man beachten muss und so weiter. Und somit war das dritte, das ich in meiner ersten Woche im Laden lernte, der Ablauf eines subdermalen Implantates. (Ich werde im Laufe der Zeit ein paar Videos hinzufügen, um euch die Sache besser erklären zu können.)

Damit endete eine wahnsinnig spannende Woche, meiner Meinung nach viel zu früh. Ich hatte so viel gelernt und so viel gesehen...und die Reise hatte doch gerade erst begonnen!
Aber vor allem lernte ich in dieser Woche eins: Sollte ich meine Ausbildung abgeschlossen haben...sollte ich es wirklich schaffen, irgendwann Body-Artistin zu werden...dann wollte ich unter allen Umständen so werden wie Ben. Denn in dieser ersten Woche wurde er mein Mentor.

Anne.

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